Möbel von Thomas Sutter: Lebensbegleiter mit Geschichte
Thomas Sutter

«Ein Möbelstück muss eine Geschichte haben»

Es gibt sie noch: Möbel, die mit Liebe gefertigt werden und nicht vom Fliessband, sondern aus der Schreinerei kommen. Eine solche steht in Appenzell. Der Möbeldesigner Thomas Sutter spricht über seine Passion und weiss, was Möbel mit guten Freunden gemeinsam haben.

Herr Sutter, würden Sie dem Spruch «Holz hat Seele» zustimmen?

Auf jeden Fall. Holz ist eine Lebensform der Natur, oft mehr als hundert Jahre alt, wächst und gedeiht. Die Bäume, die wir verarbeiten, sind so zwei bis dreimal älter als ich und haben Einiges erlebt. Daher wäre es fast respektlos, wenn ich sagen würde, dass Holz keine Seele hat. Hinzu kommt: Wer kann das Gegenteil beweisen?

Wie würden Sie dann einen guten Charakter beschreiben?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jedes Holz einen schönen und eigenen Charakter hat. Die Frage ist, ob wir Schreiner es schaffen, diesen in seiner natürlichen Form zu zeigen.

Ihre Kunden dürfen sich ihr Holz selbst aussuchen. Das ist ungewöhnlich.

Ja, aber ich mache das aus zwei Gründen. Zum einen möchte ich meinen Kunden näher bringen was es bedeutet Möbel herzustellen. Oft entsteht der Eindruck, dass wir fertig formatierte Platten zuschneiden und anschliessend noch ein bisschen schleifen und ölen. Zum anderen ist es für den Kunden ein schöner Moment. Natürlich können sich die Wenigsten vorstellen, wie ihr Möbelstück später aussehen wird, aber ich vergleiche das immer mit einem Ultraschallbild: Wenn Sie werdende Eltern sind, sehen Sie auf der Aufnahme auch nicht viel – aber es ist trotzdem ein besonderer Augenblick. Genauso empfinde ich das bei einem Baum, der zu einem Tisch wird.

In einem Interview meinten Sie, es sei Ihr Wunsch, Möbel herzustellen, die zu Begleitern werden. Was braucht es, damit ein Stück zu einem solchen wird?

Ich sage immer, ein Möbelstück muss eine Geschichte haben. Aus diesem Grund lasse ich meinen Kunden auch das Holz auswählen. Steht der Tisch dann zuhause, kann der Kunde bereits eine Geschichte erzählen: Er weiss, wo der Tisch herkommt und hat mehr Hintergrundwissen, als hätte er ihn in einem gängigen Möbelgeschäft gekauft. Der Kunde hat einen persönlichen Bezug zu dem Tisch. Natürlich muss auch die Qualität stimmen. Und das Möbelstück sollte einzigartig sein und nicht in jedem dritten Haushalt stehen. Schliesslich möchte jeder etwas Eigenes. Etwas, das mehr ist als nur eine Platte mit vier Füssen.

Gibt es ein Möbelstück, das Ihr persönlicher Begleiter ist?

Das ist immer das, was ich gerade im Kopf habe und entwerfe. Das begleitet mich dann Tag und Nacht. Aber es gibt auch ein anderes Möbelstück – einen kleinen Stuhl, den ich mit sieben Jahren als kleiner Bub selber gemacht habe. Ich bewundere diese Stabelle immer wieder, denn ich habe sie nur mit einer Feile und einer kleinen Handsäge gezimmert. Ich weiss nicht, ob ich dazu heute noch die Geduld hätte! Aber man kann immer noch darauf sitzen. Ein einmaliges Stück.

Bei Lebensbegleitern sollte man Qualität der Quantität vorziehen. Gilt das auch für Möbel?

Auf jeden Fall. Gute Freunde wählt man sich ganz bewusst aus, das sollte auch bei Möbeln so sein. Natürlich muss das Portemonnaie stimmen. Doch wir haben erstaunlicherweise ganz viele Kunden – und das sind mir ehrlich gesagt die liebsten –, die wirklich auf ein Stück sparen. Sie kommen zu uns und dann erst wieder drei oder vier Jahre später und sagen: Jetzt passt es, jetzt können wir uns eine Tischgruppe leisten! Dann weiss ich, dass sie mit den Möbeln wirklich Freude haben. Das ist etwas sehr Befriedigendes.

... und wie wichtig ist es, dass sich diese Qualität auch viele Schweizer leisten können? Ein Tisch aus Ihrer Werkstatt kostet zwischen 5.000 und 10.000 Franken. Kein Schnäppchen.

Nein, das ist kein Schnäppchen. Aber ich sehe eine Gegenbewegung zu unserer Wegwerfgesellschaft, die lieber weniger, aber dafür richtig kauft. Ich bin auch der Überzeugung, dass sich mehr Menschen wertige Möbel leisten könnten als es scheint. Denn mit Billigprodukten verpufft mittel- bis langfristig viel Geld. Nichtsdestotrotz verstehe ich natürlich junge Menschen, zu denen ich auch zähle, die sich erst mit günstigen Möbeln eindecken. Aber das wird sich schon noch ändern! (lacht)

Wohntrends kommen und gehen, was heute als schön gilt, ist es in zehn Jahren vermutlich nicht mehr. Wie wählt man ein Möbelstück, das einem auch später gefällt?

Das ist auch für mich schwierig. Es ist schon ein paar Mal passiert, dass ich etwas entworfen habe und ein paar Jahre später die Nase rümpfte und erkannte, naja, das war es jetzt nicht. Aber es gibt umgekehrt auch Modelle an denen ich seit Jahren Freude habe. Das ist das Schwierigste in unserem Beruf: Etwas zu entwerfen, das dauerhaft und zeitlos ist. Dafür gibt es kein Rezept, manchmal gelingt es, manchmal nicht. Und dann gibt es natürlich die Perspektive des Kunden: Wie entscheide ich mich für ein Möbelstück, das mir lange gefällt? Hier kommt wieder der Aspekt der Geschichte hinzu. Ich glaube, das ist ganz zentral. Wenn Sie eine schöne Frau sehen, ist das zwar nett, aber irgendwann haben Sie die auch gesehen. Es sind dann andere Dinge, die aneinander binden und echte Liebe entstehen lassen. Bei Möbeln ist das genauso.

Vom Gebrauchsgegenstand zum Lieblingsstück.

Ja, hier geht es wieder um den Aspekt des Begleiters. Ich habe ursprünglich Antik-Schreiner gelernt und wir haben oft Dinge restauriert, die teilweise furchtbar aussahen. Aber hier gab es einen emotionalen Bezug. Es ist nun mal nicht immer alles rational.

Sie entwerfen auch eigene Möbel. Bevorzugen Sie beim Designen Schönheit oder Funktionalität?

Ich finde, es muss beides erfüllt sein. Kunst ist schön, aber nicht funktional. Und reine Funktion ist selten schön.

Wie würden Sie das perfekte Möbelstück beschreiben?

Das perfekte Möbelstück erfüllt Form und Funktion gleichermassen. Und es hat seine eigene Ausstrahlung – jedes ist ja ein Unikat.

Tut es Ihnen weh, wenn Sie sehen, zu welchen Preisen und welcher Qualität der schwedische Möbelriese Ikea Esstische, Betten und Regale anbietet?

Nein, weh tut es mir nicht. Aber ich bin froh, dass ich da nicht mitmischen muss. Ikea hat den Zeitgeist erkannt und macht das gut, sonst hätten sie keinen Erfolg. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Aber es ist nicht meine Welt. Ich könnte nicht bei Ikea arbeiten. Das widerstrebt einfach meinem Grundgedanken.

Sie haben keine Ikea-Möbel?

Nein, zumindest nicht wissentlich! (lacht)

Wie wohnen Sie denn?

Ich wohne wahrscheinlich weniger durchgestylt als Sie denken. Wir haben drei kleine Kinder und wollen mit der Neugestaltung unserer Wohnung noch warten. Aber ich habe ganz viele Möbelstücke aus meiner Laufbahn, die wir nicht verkauft haben und nun bei mir sind. Es ist fast ein kleines Sammelsurium.

Zur Person: Thomas Sutter wird 2003 Möbelschreiner-Weltmeister und gründet zwei Jahre später, mit nur 22 Jahren, seine eigene Firma. 2006 eröffnet er seinen Showroom in Appenzell, 2011 den zweiten in Rapperswil. Beim Swiss economic Award «Jungunternehmen des Jahres» belegte er 2009 den zweiten Platz. Thomas Sutter ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Appenzell. Impressionen: thomas.sutter.ai

 

Gespräch: Nina Grünberger / Titelbild: Hauser & Partner Imaging GmbH

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