So Leb Ich: Wohnen als Hobby
Nicole Maalouf

«Beim Einrichten müssen die Zutaten stimmen»

Zeig mir wie du wohnst, und ich sag dir, wer du bist. Wie andere wohnen, weiss Nicole Maalouf, Gründerin der Wohn-Community solebich.de, nur zu gut. Im Interview spricht sie über den Hype um die perfekte Wohnung.

Frau Maalouf, kann man Stil lernen?

Man wird vermutlich nicht mit Stilgefühl geboren. Vielmehr entwickelt sich Stil mit der Zeit. Diese Entwicklung passiert, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht und sich für die unterschiedlichsten Dinge interessiert, ganz gleich ob das Mode, Kunst oder Architektur ist. Die Fähigkeit, Dinge wahrzunehmen, ist ganz wichtig.

Und über diese äusseren Einflüsse findet man seinen eigenen Stil?

Wenn ich mich mit etwas bewusst auseinandersetze, kristallisiert sich mein eigener Stil heraus. Wenn ich zu etwas «Nein» oder «Ja» sage. Geht man hingegen in ein Geschäft und kauft ein Arrangement genau so, wie es dort präsentiert wird, ist das meist weit entfernt von einem selbst. Der eigene Stil entspricht ja auch immer der Persönlichkeit.

«Stil ist richtiges Weglassen des Unwesentlichen», meinte der deutsche Maler Anselm Feuerbach. Was ist beim Einrichten unwesentlich?

Das ist schwer zu beantworten. Wenn jemand gewisse Dinge braucht, um sich wohlzufühlen, gehört das eben zu seinem Stil. Das Schöne an So Leb Ich ist, dass niemand vorgibt, was richtig ist. Trotzdem haben die Wohnungen, die wir zeigen, alle etwas gemeinsam: Die Zutaten stimmen.

Nun gibt es Wohnungen, da stimmen die Zutaten, aber sie wirken trotzdem langweilig. Was ist das Salz in der Suppe?

Es ist die Kombination von Altem, Neuem, Selbstgemachtem und persönlichen Details, die eine Wohnung besonders macht. Wenn sie langweilig wirkt, fehlt es eben meistens an einem dieser Dinge. Kauft man sich einen Designer-Stuhl, kann man ihn mit einem selbstbedrucktem Kissen kombinieren. Oder man bringt Dinge aus dem Urlaub mit, zum Beispiel Stoffe oder Wandschmuck. Man kann auch etwas mit seinen Kindern gestalten. Richtet man sich hingegen komplett neu ein, fehlt oft etwas. Es geht darum, eine Wohnwelt zu schaffen, die nicht austauschbar ist. Ich verstehe, dass man in Versuchung gerät, wenn man in ein Möbelgeschäft geht, und denkt: Das ist alles so schön hier, das nehme ich genauso mit! Dann läuft man aber Gefahr, sich wie ein Fremdkörper oder einem Hotelzimmer zu fühlen. Macht man manches selbst, ist das anders. Es gibt auch viele Stücke von Oma oder Dachböden, auf denen sich Schätze verstecken. Diese können, herausgenommen aus ihrem bisherigen Umfeld, zum Kunstwerk werden. Das sind Wohnungen, die mit Herz eingerichtet wurden, man Persönlichkeit spürt und sich wohlfühlt.

So Leb Ich: Wohnen als Hobby

Widerspricht das nicht der Tätigkeit von Inneneinrichtern, die eine Wohnung im Nu auf Hochglanz trimmen und sogar die Obstschale in Position rücken?

Hier muss man zwischen verschiedenen Inneneinrichtern unterscheiden. Einrichtungssendungen sind beispielsweise Entertainment. Es gibt Studien, die belegen, dass sich Menschen in diesen Wohnungen auch nicht wirklich wohlfühlen. Ein guter Inneneinrichter ist ein Berater, der einen an der Hand nimmt und dabei unterstützt, das in Worte und Bilder zu fassen, was man selbst nicht ausdrücken kann. Vielleicht weiss man auch, was einem gefällt, kann es aber nicht umsetzen. Gute Inneneinrichter schaffen einen Rahmen, in dem einem das Herz aufgeht.

Inneneinrichter sind Teil des Hypes um die perfekte Wohnung. Dieser mutet fast wie eine neue Form der Selbstoptimierung an. Mit uns selbst sind wir fertig, jetzt geht es dem Zuhause an den Kragen?

Ich glaube nicht, dass Menschen, die Wert auf schöne Wohnungen legen, mit sich selbst fertig sind. Wir haben auf So Leb Ich seit Kurzem auch die Kategorie «Mode» und festgestellt, dass diese bei Usern, die sich besonders fürs Einrichten interessieren, gar keinen so hohen Stellenwert hat. Statt einer neuen Tasche kaufen sich unsere Userinnen eben ein Möbelstück. Was sich aber sicherlich geändert hat, ist, dass Wohnen wichtiger geworden ist. Hinzu kommt der Drang, etwas mit den Händen zu gestalten. Und bei vielen wird dieser Drang eben in den eigenen vier Wänden umgesetzt.

Wir drücken Individualität immer öfter über die Wohnung aus. Trotzdem sind derzeit Schwarz-Weiss und Pastell-Töne, Tapeten mit filigranen Mustern oder schwedische Designklassiker in vielen Wohnungen anzutreffen. Auch bei So Leb Ich.

Natürlich gibt es Trends, das war schon immer so. Derzeit sind die Produkte von Ferm Living überall zu sehen. Aber ich sehe bei So Leb Ich eine grosse Vielfalt und die liegt oft in den Details. Man muss trotzdem sagen, dass unsere User sicherlich individueller leben als andere, die sich nicht so intensiv mit dem Thema Wohnen auseinandersetzen. Wenn man an die Prospekte von Möbelhäusern aus dem Umkreis denkt, in denen es gar keine Individualität gibt und die Zimmerpflanze immer an derselben Stelle steht, versteht man, was ich meine.

So Leb Ich: Wohnen als Hobby

Sie haben die Community 2007 mit Ihrem Mann gegründet, weil Sie zeigen wollten, wie echte Menschen leben. Der Grossteil der Wohnungen auf So Leb Ich könnte allerdings problemlos in Einrichtungsmagazinen erscheinen.

Das ist auch der Fall! Manche Bilder werden inzwischen in Zeitschriften abgedruckt. Denn diese User haben auch noch ein anderes Hobby und das heisst: Gute Fotos machen. Vor sieben Jahren habe ich die Bilder unserer Mitglieder oft noch selbst gedreht und hochgeladen. Das hat sich ganz stark verändert.

Aber bilden diese Wohnungen wirklich die Realität ab?

Natürlich, das sind keine Studio-Fotos. Wie gesagt, unsere Community hat ein besonderes Hobby. Deswegen kann man nicht sagen, dass So Leb Ich deutsche Wohnungen abbildet - aber Tausende wohnen wirklich so. Ich verstehe aber, was Sie meinen. Mich hat mal jemand gefragt: Und wo findet man die User-Bilder?

Viele Wohnungen sehen nahezu unbewohnt aus.

Wir haben unseren Usern schon vorgeschlagen etwas lebendiger zu fotografieren. Das ist aber gar nicht der Wunsch. Man möchte die Wohnung schliesslich zeigen, wenn sie schön ist. Aber das ist doch völlig normal! Wer räumt nicht auf, bevor Gäste kommen? Manche unserer User laden zwar Bilder hoch, wenn sie gerade putzen, alle Stühle am Tisch stehen oder die Kinder Chaos veranstalten, aber diese Bilder bekommen nicht die meiste Aufmerksamkeit.

Warum gewährt man private Einblicke in sein Zuhause?

Ein wichtiger Aspekt ist sicherlich der Austausch. Es war auch der Gründungsgedanke eine Community zu schaffen und Wohnideen auszutauschen. Wenn man im eigenen Umfeld niemanden hat, der genauso wohn-verrückt ist, trifft man bei uns Gleichgesinnte. Bei So Leb Ich entstehen Freundschaften, unsere User reisen durch Deutschland, um sich zu besuchen, oder fahren gemeinsam nach Amsterdam, um einen Flohmarkt zu besuchen. Und oft gibt es auch kleine Erfolgsgeschichten. Frauen, die nach So Leb Ich auf Dawanda erfolgreich wurden. Bei einem Mitglied hat es gebrannt und ihm wurde ein neuer Esstisch geschickt. Eine Userin, die als Grafikerin arbeitet, hat für eine andere Visitenkarten entworfen, damit sie ihre Produkte vermarkten kann. Da geht mir das Herz auf.

Ist es auch eine Suche nach Bestätigung?

Ja, aber ist das nicht ganz natürlich? Wenn man etwas schön findet und stolz darauf ist, dann hat man bei uns die Möglichkeit es zu zeigen. Und man erfreut und inspiriert ja auch andere.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wollte Sie für ein Interview zuhause besuchen, Sie haben sich aber lieber in Ihrem Büro getroffen. Wie Sie leben bleibt also ein Geheimnis?

Nein, das ist nicht wirklich ein Geheimnis. (lacht) Ehrlich gesagt war das eine sehr spontane Idee der Redakteurin – und mir zu spontan. Ich hätte mehr Zeit gebraucht.

So Leb Ich: Wohnen als Hobby

Praxis-Tipps von Nicole Maalouf

Wie findet man seinen eigenen Wohn-Stil?

1. Tipp: Sehen Sie sich Ihren Kleiderschrank an! Wohnen ist einem oft ferner als Mode, mit der man öfter konfrontiert wird. Was steht mir, welche Farben und Stoffe mag ich? Interessanterweise ähneln sich Kleiderschrank und Wohnung oft. Eine unserer Userinnen, die sich nur Möbel auf Flohmärkten kauft, trägt auch Vintage-Kleider. Eine andere richtet sich eher skandinavisch ein und zieht sich auch sehr klassisch an.

2. Tipp: Eine weitere Möglichkeit ist, ein Moodboard zu erstellen. Sammeln Sie einfach alles, was Ihnen gefällt, ganz gleich, ob es sich um Möbelstücke, Kunst, Muster oder Farben handelt. Anschliessend werden Sie Schwerpunkte erkennen: Ist alles bunt und knallig, romantisch verspielt oder dominieren Natur-Töne?

Wie setzt man den eigenen Stil um?

Die Mischung macht's! Kombinieren Sie neue, alte und persönliche Stücke mit Selbstgemachtem. Zudem war es noch nie so einfach individuell zu wohnen. Wer mag, kann sich über das Internet aus Venezuela Wanddekoration bestellen.

Einmal eingerichtet und fertig?

Ein Zimmer muss wachsen. Das Leben verändert sich schliesslich und mit ihm auch das Drumherum. Befreien Sie sich von dem Druck, dass eine Wohnung sofort fertig sein muss!

So Leb Ich: Wohnen als Hobby

Zur Person: Nicole Maalouf studierte Innenarchitektur und Kulturwissenschaft und lebte in Paris, New York, Prag sowie Beirut. Gemeinsam mit Daniel Eichhorn gründete sie 2007 solebich.de. Kürzlich erschien das Buch «Das neue SoLebIch Buch - Für ein schönes Zuhause» bei DVA. Nicole Maalouf lebt mit ihrer Familie in München.

Gespräch: Nina Grünberger / Titelbild: Nicole Maalouf, So Leb Ich; zweites Bild: Nr.15, S.101, SoLebIch.de/Mitglied "Karyna"; drittes Bild: Nr.25, S.108, SoLebIch.de/Mitglied "LoveVintageLove"; drittes Bild (Collage): links Nr.09, S.97, SoLebIch.de/Mitglied "Matrixfehler", rechts Nr.21, S.105, SoLebIch.de/Mitglied "Schwarze.Katze"

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