Interview mit Sarah Fasolin: «Der Garten ist eine Lebensschule»
GRÜNES GLÜCK

«Der Garten ist eine Lebensschule»

Wenn man mit Sarah Fasolin über Beete und Setzlinge spricht, möchte man sofort zu Schaufel und Samen greifen. Die Schweizer Gartenexpertin erklärt im Interview, was ein Garten über seinen Besitzer verrät, warum eine Handvoll Erde glücklich macht und weshalb sie mit ihrem Garten erst zusammenwachsen musste.

Frau Fasolin, der römische Philosoph Cicero sagte: «Hast du einen Garten und eine Bibliothek, dann hast du alles, was du brauchst». Eine Bibliothek schenkt uns Wissen. Und der Garten?

Als Nutzgarten schenkt er uns Gemüse und Kräuter für die Küche. In einem Ziergarten kann man lustwandeln und sich erholen. Der Garten ist die einzige Kunstform, die alle unsere Sinne anspricht: Man kann ihn hören, sehen, riechen und schmecken. Darum kann ich Cicero nur zustimmen.

Es gibt unzählige Sprichwörter, die das Glück eines Gartens beschreiben. Warum machen ein Stück Gras, eine Handvoll Erde und ein Beet glücklich?

Ich glaube, es ist ein Urbedürfnis des Menschen mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten. Und das ist im Garten möglich. Man begleitet eine Pflanze vom Samenkorn bis zur Blüte, das berührt einen auf einer ganz tiefen Ebene. Es geht um das Leben, ums Werden und Vergehen. Das ist das, was einen Garten auszeichnet. Allerdings beschert ein Garten nicht nur Glück, es gibt auch viele Niederlagen!

Wie erleben wir diese Niederlagen?

Wenn man etwas aussät, es zwei Wochen regnet und der Samen verfault. Wenn Schnecken über die neuen Setzlinge herfallen oder man ein Rosenbeet anlegt und später merkt, dass der Boden an dieser Stelle eigentlich völlig ungeeignet ist. Es gibt viele Faktoren, die man nicht beeinflussen kann: das Wetter, das Klima und den Boden. Man kommt immer wieder an einen Punkt an dem man scheitert. Und damit muss man zurechtkommen. Daher ist der Garten wie eine Lebensschule. Niederlagen gehören eben dazu.

Von einem Garten können wir also einiges lernen.

Ja, sehr viel! Ich treffe auch immer wieder Menschen, für die der Garten viel mehr ist als nur Nutzen und Zierde. Eine Frau hat mir erzählt, dass ihr Garten nach dem Tod ihres Mannes der einzige Ort war, an dem sie sich wohlgefühlt hat. Er war für sie ein wichtiger Teil des Verarbeitungsprozesses. Im Garten hat sie gelernt wieder Fuss zu fassen.

Sämtliche Lebens- und Glücksratgeber könnten sich somit auf eine Formel beschränken: Gärtnern Sie!

(Lacht) Das hat etwas Wahres! Im Garten kann man vergessen. Daher gewinnt er auch als Therapieplatz zunehmend an Bedeutung. Beispielsweise in Altersheimen oder in psychiatrischen Kliniken. Wobei ein Garten kein grosses Stück Land sein muss! Ein Garten, das können auch ein paar Töpfe sein. Kleine Pflanzenwelten können überall entstehen.

Sie haben selbst einen Garten. War es Liebe auf den ersten Blick?

Ich muss zugeben, dass ich mich erst zurechtfinden musste, da er zugleich mein erster eigener Garten ist. Aber es ist schnell eine grosse Leidenschaft geworden. Man lernt sich mit der Zeit kennen und wächst zusammen.

Ihr Garten ist kein unbeschriebenes Blatt. Als Sie vor sechs Jahren aufs Land gezogen sind, haben Sie einen Garten übernommen, in dem früher eine Gärtnerei untergebracht war. Ein Ort mit Geschichte.

Ja, dort haben schon viele gegärtnert und ihre Spuren hinterlassen. Und es war mir auch wichtig diese Spuren nicht einfach wegzuwischen. Es gibt in meinem Garten beispielsweise ein Pfingstrosenbeet – ein Überbleibsel aus der Gärtnerei. Das pflege ich nun einfach weiter.

Das Herzstück der Küche ist ein grosser Esstisch, das Wohnzimmer braucht ein gemütliches Sofa, das Schlafzimmer ein schönes Bett. Was darf in keinem Garten fehlen?

Ein Platz, an dem man den Garten auf sich wirken lassen kann. Gärten, in denen man nicht innehalten und zur Ruhe kommen kann, verlässt man bald wieder. Diese kleinen Plätze sind mir vor allem in lauschigen und verträumten Gärten aufgefallen – und wenn es nur eine kleine Steinmauer ist, auf die man sich setzen kann. Ein Garten soll kein Ort sein, an dem man nur arbeitet, sondern auch ein Platz, an dem man Sein kann.

Und ein Platz, der Zeit zum Entstehen braucht. Während eine Wand schnell gestrichen ist und Möbel ruckzuck umgestellt sind, lässt sich ein Garten nicht so schnell herausputzen. Lehrt ein Garten auch Geduld?

Auf alle Fälle. Allerdings findet man in den Baumschulen auch bereits ältere, gross gewachsene Ziergehölze, die sich verpflanzen lassen – vorausgesetzt man hat die finanziellen Mittel. Trotzdem lassen sich auch mit genügend Geld nicht alle Gartenträume auf Knopfdruck verwirklichen. Richtig alte, grosse Bäume kann man nicht einfach pflanzen. Eine traumhafte Margeritenwiese muss sich erst entwickeln. Man muss einem Garten die Zeit geben, die er braucht.

Der Garten wird also gar nicht so sehr von Menschenhand beherrscht, wie man oft meint.

So ist es. Trotzdem gab es in der Geschichte immer wieder Epochen, in denen man es versucht hat. Beispielsweise im Barock, als man sich nach Perfektion sehnte und glaubte, diese durch den Schnitt zu erreichen. Die totale Dominanz des Menschen im Garten ist jedoch nicht möglich. Der Garten bewahrt sich immer ein Stück Selbstständigkeit und führt ein Eigenleben.

Sie haben im Zuge Ihrer Recherchen für den Gartenreiseführer im letzten Jahr insgesamt 380 Schweizer Gärten und Parks besucht. Hand aufs Herz, wurden Ihnen Gärten nie überdrüssig? 

Ich war sieben Monate unterwegs und habe mir im Durchschnitt vier Gärten pro Tag angesehen. Natürlich hat mich die Reiserei sehr müde gemacht. Und ich habe ehrlich gesagt auch damit gerechnet, dass ich nach dem letzten Garten keinen mehr sehen möchte. Aber das ist interessanterweise nicht passiert. (lacht)

Und wie oft haben Sie das Gleiche gesehen?

Erstaunlicherweise nie. Jeder Garten ist anders, jeder hat seine Eigenheiten. Ich habe mich jedes Mal gefragt: Was zeichnet diesen Garten aus? Und mit der Zeit habe ich dafür einen Blick entwickelt.

Ist der Kantönligeist auch im Garten spürbar?

Das ist tatsächlich so. Es gibt grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Kantonen. Der Boden und das Klima sind nicht überall gleich, je nach Region zeigen die Gärten ein anderes Gesicht. Aber auch die wirtschaftliche Geschichte eines Kantons spielt eine Rolle. Im Appenzeller-Land gab es beispielsweise im 18. und 19. Jahrhundert eine grosse Textiltradition – es wurde gewoben, gesponnen und gestickt. Dafür durften die Frauen keine rauen Hände haben, da der Faden sonst nicht richtig geglitten wäre. Somit hatte der Garten in der ländlichen Bevölkerung keinen hohen Stellenwert. Man hatte nur einen kleinen Garten und dieser befand sich auch nicht direkt vor dem Haus. Da im Keller gewoben wurde, damit der Faden schön feucht bleibt, hätte ein Garten das nötige Licht genommen. In Graubünden wiederum gab es die Patrizierfamilie von Salis, die extrem wohlhabend und einflussreich war, und ein grosses Erbe an Gärten hinterlassen hat. Die Schweiz ist vielleicht ein kleines Land, aufgrund der Geschichte der einzelnen Kantone, Topografie und des Klimas aber sehr vielfältig. Und das spiegelt sich auch in den Gärten wieder.

«Wer in meinen Garten schaut, schaut in mein Herz», sagte der Schriftsteller und Landschaftsarchitekt Hermann von Pückler-Muskau (1785 – 1871). Wie viel verrät ein Garten über seinen Besitzer?

Während meinen Recherchen habe ich auch Privatgärten besichtigt. Manchmal waren die Besitzer in den Ferien, haben mir aber erlaubt ihre Gärten anzusehen. Es war wirklich interessant erst durch den Garten zu laufen und später den Menschen kennenzulernen. Denn der Garten sagt sehr viel aus! Ist die Person künstlerisch veranlagt und kreativ? Was ist ihr besonders wichtig, welche Pflanzen hat sie ausgewählt? Auch der Blick in den Geräteschuppen verrät einiges: Hängt jedes Schäufelchen feinsäuberlich an einem Haken oder ist alles Kraut und Rüben? Der Garten ist wirklich ein Blick ins Herz!

Und was sieht man, wenn man in Ihren Garten schaut?

In meinem Garten spürt man die verschiedenen Einflüsse. Ich war an vielen verschiedenen Orten, bekam mal hier einen Samen, dort einen Stock. Das fliesst alles mit ein. Mein Garten ist sehr vielfältig, aber noch im Werden!

Zur Person: Sarah Fasolin ist Journalistin und hat sich auf Gartenthemen spezialisiert. 2002 schloss sie die Diplomausbildung am Medienausbildungszentrum MAZ in Luzern ab, 2010 ihr Master-Studium in Sozialanthropologie und Zeitgeschichte an den Universitäten Freiburg und Bern. 2014 erschien ihr Buch «Gartenreiseführer Schweiz», seit Mai 2014 veröffentlicht sie auf NZZ online Porträts über besondere Gärten.

Gespräch: Nina Grünberger / Titelbild: Karl Heinz Hug

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