Im Interview erklären Mirko Beetschen und Stéphane Houlmann, warum der Wohnort Zürich mit seinem Image zu kämpfen hat und was ihn trotzdem so besonders macht.
INTERVIEW

Wohnort Zürich: eine perfekte Stadt?

Nur in Wien lebt es sich besser als in Zürich. Das hat das weltweite Mercer-Ranking in diesem Jahr erneut ergeben. Sind Zürcher deshalb arrogant, die Stadt selbst unpersönlich? Mirko Beetschen und Stéphane Houlmann widerlegen diese Klischees in ihrem Buch «Wohnort Zürich». Im Interview erklären sie, was die Limmatstadt besonders macht und warum sie sich manchmal nach weniger Perfektion sehnen.

Denkt man an New York, denkt man an das Empire State Building. Bei London an den Big Ben. Was kommt Ihnen bei Zürich in den Sinn?

Mirko Beetschen: Der See! Obwohl er in unserem Buch nur einmal ganz am Rande vorkommt. Darauf wurden wir auch schon angesprochen. Wir wollten den Fokus aber bewusst anders setzen.

Stéphane Houlmann: Bei Zürich fallen einem natürlich Dinge wie das Café Sprüngli, der Paradeplatz und die Bahnhofstrasse ein.

Mirko Beetschen: Und jetzt der Hafenkran! (lacht) Abgesehen vom Grossmünster und neu dem Prime Tower fehlt es Zürich bis jetzt an ikonischen Gebäuden.

Stéphane Houlmann: Wir hatten nun mal keine Monarchie, daher fehlen hier Prachtbauten, wie es sie in anderen Städten gibt.

Mirko Beetschen: Aber das ist eben auch das Typische an Zürich. Alles bleibt ein bisschen bescheiden.

«Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen wie Menschen», schrieb Robert Musil in «Der Mann ohne Eigenschaften». Wäre Zürich eine Person aus Fleisch und Blut, wie würden Sie sie beschreiben?

Mirko Beetschen: Als intellektuellen Mann zwischen 40 und 60 Jahren, angepasst, aber mit avantgardistischem Gedankengut.

Stéphane Houlmann: Ist es denn ein Mann?

Mirko Beetschen: Ja, für mich ist Zürich eher männlich... Geschäftstüchtig und ein bisschen nüchtern. Ich verbinde die Stadt aber auch mit den 20er Jahren und Thomas Mann, dem frühen Vegetarismus und der ersten Schwulen-Bar Europas. Zürichs Geist war immer offen. Wenn auch in sich etwas brav.

Stéphane Houlmann: Ich denke an Max Frisch. Er ist eine Person, die gut zu Zürich passt. Genau wie Max Bill. Wen ich auch mit der Stadt verbinde, ist Sophie Taeuber-Arp.

In England sagt man: Die Menschen, nicht die Häuser, machen die Stadt. Nun gelten Zürcher innerhalb der Schweiz als arrogant und unfreundlich. Was sagt das über Zürich?

Stéphane Houlmann: Zürich hat ein wenig mit seinem Image zu kämpfen, das stimmt. Als der grosse Wirtschaftsmotor, der es für die Schweiz ist, hat es manchmal vielleicht ein zu grosses Selbstbewusstsein. Das hat aber auch damit zu tun, dass man hier schneller sein muss, weil die Konkurrenz wacher ist. In Bern ist dieser Druck nicht halb so gross – man ist zufrieden und nicht so hohen Erwartungen ausgesetzt. Zürich hat einfach eine andere Energie.

Die so oft zitierte unfreundliche Bedienung in Zürich steht also nicht der herzlichen Verkäuferin in Bern gegenüber?

Stéphane Houlmann: In Zürich ist vieles professioneller und dadurch vielleicht distanzierter. Doch das ist auch, was mir an Zürich gefällt. Man genügt sich hier selbst nicht so sehr wie man das vielleicht anderswo tut. Es ist spannender, es gibt diesen Drive. Aber das liegt natürlich auch daran, dass Zürich Metropolencharakter hat. Paris und London sind innerhalb ihrer Nation ja auch nicht sonderlich beliebt.

Mirko Beetschen: Die grösste und dynamischste Stadt hat im eigenen Land meistens ein Image von Arroganz und Unnahbarkeit.

Vorurteile, die der Stadt also Unrecht tun? Schliesslich führt Zürch das weltweite Ranking der Städte mit der höchsten Lebensqualität an.

Mirko Beetschen: Und wir finden völlig zu recht! Die Wohn- und Lebensqualität, das kulturelle Angebot, die Sicherheit und der öffentliche Verkehr sind ausgezeichnet. Wir sind auf dem Weg zum Interviewtermin gerade mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren und konnten so nebenbei noch ein wenig Seeluft schnuppern. Wo kann man das schon in einer Grossstadt?

Wie erklären Sie sich dann die Diskrepanz zwischen der subjektiven Wahrnehmung von Schweizern und Nicht-Schweizern?

Stéphane Houlmann: Es gibt viele Schweizer, die Zürich nicht gut kennen. Sie kommen vielleicht einmal im Jahr hierher und flanieren an der Bahnhofstrasse. Aber das ist natürlich nicht Zürich. Wenn man eine Stadt nicht kennt, ist es einfacher Klischees zu glauben.

Mirko Beetschen: ...und die halten sich nun mal sehr lange. Ich habe schon so oft gehört: Zürich ist schrecklich! Dann unterhält man sich mit der Person und erfährt, dass sie eigentlich gar nichts über Zürich weiss und ganze zweimal hier war. Ich nehme das aber gar nicht so ernst. Paris gilt auch als eine der tollsten Städte der Welt, und ganz Frankreich hasst Paris. Das gehört wohl dazu.

Nehmen wir an, Sie möchten jemanden von der Stadt überzeugen. Welches Programm hätten Sie für einen Besucher parat, der sich in Zürich verlieben soll?

Mirko Beetschen: Mit Besuchern miete ich gerne ein Gratisfahrrad von Zürich Rollt und zeige ihnen erst einmal den See. Eine wunderbare Route ist von der Badi Tiefenbrunnen bis zur Roten Fabrik. Ein Must ist natürlich auch der neue Sechesläutenplatz. Dann die Altstadt links und rechts der Limmat. Über deren Weitläufigkeit sind viele Besucher übrigens erstaunt – sie verbinden diese Historie irgendwie nicht mit Zürich. Dann geht’s in die Kreise 4 und 5. Langstrasse, Viaduktbögen, Escher-Wyss, vielleicht ein Abstecher zum Oberen oder Unteren Letten.

Stéphane Houlmann: Und ein Bad im See gehört natürlich auch dazu! Vorzugsweise im Utoquai, wo man mitten in der Stadt ist und eine wunderbare Aussicht hat.

Den Reiz der Stadt machen aber auch die Gegensätze: Villen flankieren die Goldküste, an der Langstrasse herrscht wildes Treiben und im Industriequartier hat sich eine urbane Szene entwickelt. In Zürich treffen Tradition und Moderne sowie verschiedene Kulturen aufeinander. Wie schlägt sich das in der Architektur nieder?

Mirko Beetschen: Eine Eigenheit Zürichs sind die zahlreichen Genossenschaften und ihre Siedlungen, die eine lange Tradition haben. Hier entsteht derzeit viel Neues – es gibt einige sehr innovative Projekte und spannende Architektur.

...und wie im täglichen Leben? Gegensätze kreieren schliesslich auch unterschiedliche Bedürfnisse. Wie schafft Zürich diesen Brückenschlag?

Stéphane Houlmann: Unter anderem mit einem links-grünen Stadtrat, der offen für Entwicklungen und unterschiedlichste Kulturen ist, sie respektiert und ihnen Platz schafft. Kulturen nicht nur im Sinne von Nationen und Religionen. Zürich hat ja auch eine Subkultur. Das ist übrigens sehr wichtig, wie ich finde. Ohne Subkultur ist eine Stadt langweilig.

Fällt Ihnen ein Ort ein, an dem sich diese Vielfalt besonders deutlich zeigt?

Mirko Beetschen: Ja, wenn man an einem schönen Frühlingstag einen Spaziergang am See macht. Dort trifft sich alles. Afrikanische Familien picknicken auf der Wiese und Zürichberg-Ladies gehen mit ihrem Hündchen spazieren. Es gibt aber in der ganzen Stadt Plätze, an denen sich diese Vielfalt zeigt. Ich finde zum Beispiel auch den Turbinenplatz spannend. Das ist ein Ort, der sich erst nach und nach einfügt, aber immer schöner wird. Dort gibt es das Schauspielhaus, Clubs und Skateboarder. Ich gehe dort sehr gerne durch, es ist immer wieder überraschend, weil so vieles aufeinander trifft. Und seit Neuestem auch der Sechseläutenplatz.

«In einer wirklich schönen Stadt lässt es sich auf Dauer nicht leben. Sie treibt einem alle Sehnsüchte aus», meinte der Schriftsteller Elias Canetti. Sie leben in Zürich. Haben Sie noch Sehnsüchte?

Stéphane Houlmann: Es ist hier tatsächlich manchmal schwierig, noch neue Projekte zu realisieren. Zürich ist schon so gemacht. Das Angebot ist riesig, und man muss sich gut überlegen, was man tun möchte. Darum sehnt man sich manchmal nach einer anderen Stadt, in der es vielleicht noch mehr Möglichkeiten gibt. Beispielsweise nach Istanbul, eine unglaublich pulsierende Stadt!

Mirko Beetschen: Diese Sehnsucht nach einer Stadt, in der es noch viele Lücken gibt, ist natürlich ein grosser Luxus. Aber es ist ein Gefühl, von dem ich in Zürich immer wieder höre. Man wünscht sich an einen Ort, der nicht ganz so perfekt ist. Wenn man andererseits sieht, wie viel in Zürich derzeit passiert, scheint doch noch ziemlich viel möglich zu sein.

Nun leben Sie aber nicht nur in Zürich. In Interlaken bewohnen Sie auch ein 200 Jahre altes Chalet. Die Liebe zur Stadt ist also nicht grenzenlos?

Mirko Beetschen: Man muss sich von dem, was man liebt, immer wieder mal trennen, damit man es vermissen kann. Es ist sehr schön, sich zwischendurch aufs Land zurückzuziehen. Dann freut man sich auch wieder auf die Stadt und ihre Vorzüge.

Stéphane Houlmann: Ich finde es wunderbar, aus der Stadt rauszufahren. Genauso gern kehre ich allerdings auch wieder zurück.

Mirko Beetschen ist freischaffender Journalist und Partner der Bergdorf AG. In Zürich arbeitete er sechs Jahre lang als Redakteur für die Schweizer Architektur- und Wohnzeitschrift «Das Ideale Heim». Im Oktober 2014 erschien sein erster Roman «Schattenbruder». Mirko Beetschen lebt und arbeitet in Zürich und Interlaken.

Stéphane Houlmann ist Konzepter und Gründer der Bergdorf AG. Der ausgebildete Hotelier führte sechs Jahre lang das renommierte Hotel «Belle Epoque» in der Berner Altstadt. Seit 1997 entwickelt er mit seinem Unternehmen Bergdorf AG Geschäftskonzepte und Strategien, produziert Reportagen und berät Firmen. Stéphane Houlmann lebt und arbeitet in Zürich und Interlaken.

bergdorf.org

Wohnort Zürich: «Man genügt sich hier selbst nicht so sehr»

Das Buch «Wohnort Zürich» erzählt vom Lebensgefühl der Schweizer Metropole. Vom renovierten Handwerkerhäuschen zum Fabrikloft, von der ehemaligen Scheune über das Hochhaus-Apartment gibt das Buch persönliche Einblicke in die Wohnwelten der Stadt.

Gespräch: Nina Grünberger / Titelbild: Bergdorf, Agentur für Konzept und Kommunikation

2 Kommentare

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